was ist jetzt klug ?

Ich habe mir das irgendwie anders vorgestellt. Ich dachte, dass die Lockerung der Maßnahmen ein deutliches Aufatmen mit sich bringt, Klarheit, Sicherheit, wie ich mich verhalten soll - und wie es auch bei uns in der WSM weitergehen kann. Aber die neuen Regeln und Erlaubnisse führen zu neuen Fragen, und in mir zu neuer Unsicherheit. Wieso dürfen wir so plötzlich schon so vieles wieder? Hat die Regierung nun dem öffentlichen Druck nachgegeben, oder ist die Lockerung begründet? Was bedeutet das für den Umgang miteinander? Darf Nähe nun sein? Wie viel Distanz ist klug? Wie sehe ich das für mich persönlich - und wie argumentiere ich da, wo ich Verantwortung für andere trage?

 

Vergangenes Wochenende war ich in meinem Elternhaus in der Pfalz. Mit meinen Geschwistern und Cousinen galt es zu besprechen, wie wir mit unserem gemeinsamen Elternhaus umgehen wollen, das nun seit Weihnachten leer steht. Am Anfang ein vorsichtiges Herantasten an eine mögliche Begegnungsform. Da habe ich sie besonders gespürt, die Sehnsucht nach Nähe, nach Gemeinschaft. Danach, diese Verunsicherung und Distanz zu überwinden und endlich wieder auf einem bekannten und belastbaren Boden des Miteinanders sich zu bewegen. Diese Sehnsucht meldet sich wie ein knurrender Magen (… und nicht wenige bekommen schlechte Laune, wenn sie Hunger haben).

 

Zum wiederholten Male spüren ich den Impuls, mich darin einzurichten, in dieser neuen Zeit. Es ist keine "Fastenzeit", die nach 9 Wochen zu Ende ist. Es ist auch kein Ausnahmezustand mehr.
In der DiakonieKirche haben wir in den vergangenen Tagen den Kirchraum aufgeräumt. Seit 9 Wochen ist er Sammel- und Lagerplatz für Lebensmittel. In einem großen Stuhlkreis werden täglich die Lebensmitteltüten gepackt und von 12-14 Uhr ausgegeben. Am Ende blieb dann nach der Reinigung alles so stehen bis zum nächsten Tag. Ausnahmezustand. Nun aber haben wir die Lebensmittel verräumt. Ein Sichtschutz lässt sie vor den Augen der Besucher verschwinden. Der Kirchraum gewinnt wieder seine Würde zurück.

 

Die Hausaufgabenhilfe in der Heinrich-Böll-Straße ist seit vergangener Woche wieder offen und dafür in den großen Raum umgezogen. Die "neue Normalität" bringt mit sich, dass jeden Tag jeweils nur Kinder einer Klasse kommen können. Desinfektion, Mundschutz und Handschuhe gehören auch hier zur Grundhygiene. Mittagessen fällt weg, Körperkontakt auch. Bleibt das jetzt so?

 

Nach wie vor sind wir im Festkreis von Ostern. Mich bewegt der Gedanke, dass diese 50 Tage zwischen Ostern und Pfingsten auch für die Jünger*innen damals eine kritische Zeit gewesen sein muss. Heute lädt uns das Kirchenjahr zum Jubeln, Singen und Feiern ein, damals jedoch hat die Botschaft vom leeren Grab alles auf den Kopf gestellt.

 

Wenn der Tod nicht mehr das Ende ist, sondern vom Osterlicht durchleuchtet ein Neubeginn, dann kommt vieles, vielleicht sogar alles ins Wanken, was dem Alltag Halt und Ordnung gab. Darum meine Vermutung, dass die ersten Christen viel eher 50 Tage Verunsicherung "gefeiert" haben. Denn, wie es war, wird es nie wieder. Was genau kommt, wissen sie nicht. Und bis dahin?

 

Römer 12, 9-16

(9) Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an.

(10) Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.

(11) Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist.

Dient dem Herrn.

(12) Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

(13) Nehmt euch der Nöte der Heiligen an.
Übt Gastfreundschaft.

(14) Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht.

(15) Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.

(16) Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.

 

Der obenstehende Text stammt vom Apostel Paulus und gibt klare Anweisungen. Anweisungen helfen bei Verunsicherung. Sie zeigen Richtlinien für ein geregeltes Leben im Glauben an den auferstandenen Christus. Sie "schieben uns an", damit die Trägheit von uns weicht und Gottes Geist in uns wirken kann (V 11).

 

Aber übertreibt Paulus nicht? In sieben Verse packt er zwanzig Anweisungen! Wer zuckt da nicht zusammen und sucht einen Ausweg! Doch wir sollten Paulus eine Chance geben. Die Verse gewinnen da an Bedeutung, wo wir uns nicht von den vielen Imperativen abschrecken lassen, sondern nach der Grundhaltung fragen, die durch diese Anweisungen bei uns entstehen kann.

 

Die Liebe steht ganz am Anfang. Sie prägt. Sie wetteifert darum, die Anweisungen zu durchdringen, ist herzlich, zuvorkommend, gastfreundlich. Sie ist ansteckend, geistreich, brennend und voller Mitgefühl. Und dann schließt Paulus damit, dass Liebe bescheiden macht. "Haltet euch nicht selbst für klug".

 

"Bescheiden" heißt nicht beschränkt oder dumm. Es geht um unsere Selbstein-schätzung. Wir können heute ohne großen Aufwand über das Internet auf das Wissen der Welt zugreifen. Wir informieren uns und vergleichen. Die Schatten-seite: Gerade auch zu Covid 19 verbreiten immer mehr Menschen öffentlich ihre Meinung, es macht sich ein Geist der Besserwisserei breit. Sie halten sich selbst für klug. Sie gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

 

Paulus will uns nicht das Denken verbieten, sondern in unsicheren Zeiten eine Orientierung geben. Die Liebe soll dabei das Vorzeichen sein, die Grundhaltung in allem, was wir tun und lassen.
Was halten Sie davon, sich diesen Text aus Röm 12 z.B. auf den Küchentisch zu legen, um ihn jeden Tag einmal laut lesen zu können? Sie werden vermutlich erleben, dass Sie jedes Mal an einem anderen Vers hängen bleiben, Ihnen eine andere Anweisung wichtig wird. Dann nehmen Sie sich vor, Ihren Tag an diesem "Fingerzeig" auszurichten. Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen!

 

In allem, was Sie an Hoffnungen und Unsicherheiten, Erkenntnissen und Enttäuschungen bewegt, wünsche ich Ihnen den Frieden Gottes, der höher ist als all unser Denken und Wollen.

Es grüßt Ihr Paul-Gerhard Sinn

 

 

P.S.:

* auch diesmal habe ich mich inspirieren lassen von einer Andacht von F. Muchlinsky in "7 Wochen ohne"

- Die Karte zu diesem Wochenbrief finden Sie hier.


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