erinnern für die Zukunft

08.05.2020 _ Vergangene Woche hat Renate Görler in Ihrem Brief gefragt, was wir in diesen Wochen am meisten vermissen. Ich für mich vermisse die Begrüßungsrituale sehr: Sich die Hand geben; in die Augen schauen; das Wort an den richten, der sich mir in diesem Augenblick zuwendet; sich in den Arm nehmen; kurz (oder länger) beieinander verweilen …

 

Beispiel: Vergangene Woche haben wir die CD für unsere Sehbehinderten und Blinden versandt. Das machen in großer Treue Frau W. und Herr W.. Beide habe ich seit Anfang März nicht mehr gesehen. Wie nötig ist nach so einer langen Zeit eine Begrüßung, die Brücken baut, damit man sich begegnen kann!

 

Wie geht das bei einer Entfernung von 1,5 Metern? Jeder Zentimeter verstärkt tatsächlich eine Distanz, die mit Worten überbrückt werden will. Gelingt es mir, mich dem anderen wirklich zuzu-wenden? Tragen meine Worte? Werden sie zur Brücke? Ich spüre selbst, wie schnell ich abgelenkt werde und die Begrüßung "verrutscht". Die Begegnung wird undeutlich.

 

Für den vergangenen Sonntag hat das Kirchenjahr das Jauchzen / Jubilieren als Thema vorgesehen. Normalerweise wäre ich mit meinem Bläserkreis an der Gestaltung des Gottesdienstes in Unterbarmen beteiligt gewesen, um der Freude auch musikalisch Ausdruck zu geben. Denn, durch das Ostergeschehen ist etwas völlig Neues geworden. Wer an Christus glaubt / zu ihm gehört / mit ihm lebt, ist eine neue Schöpfung, ein neuer Mensch. Das Alte ist vergangen, das Trennende zwischen Mensch und Gott ist weg, etwas völlig Neues hat begonnen (siehe 2. Korinther 5,17).

 

Vielleicht haben Sie einen Fernsehgottesdienst geschaut und den Jubel vernommen. Noch besser: der Jubel hat Sie angesteckt und Ihnen Mut gemacht, trotzdem jede*r für sich zu Hause alleine war. Für uns Bläser ist das Musizieren in bisheriger Form noch in weiter Ferne. Die Berufsgenossenschaft der Deutschen Bühnen empfiehlt aufgrund der Verbreitung des Virus durch Aerosole (in der Atemluft) sogar einen Abstand von 12Metern (!) bei Blasinstrumenten. Das gilt übrigens auch für das Singen …

 

Ich habe mich inhaltlich vom Sonntag Jubilate anstecken lassen und einen besonderen Psalm für diesen Brief ausgesucht. Er schwelgt so richtig in der Erinnerung an die Rettung Gottes. Wer sich erinnert, richtet sich aus, durchlebt die Situation noch einmal und, wenn es gute Erinnerungen sind, kann daraus neuen Mut, neue Kraft schöpfen.

 

Nehmen Sie sich die Zeit, den Psalm zu lesen und den Erinnerungen nachzudenken.

Psalm 126

Ein Wallfahrtslied.

Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

 

* Psalmen sind Gebete / Lieder, die zu den unterschiedlichsten Zeiten entstanden sind. Besonders jene, die aus Unglückszeiten stammen, berichten von Gottes rettendem Handeln. So ist das auch bei Ps 126. Allerdings, er irritiert. Die Lutherübersetzung verlegt das Geschehen in die Zukunft. So handelt der Psalm von der Aussicht auf Rettung, die Beter erinnern sich an das, was sein wird. In anderen Übersetzungen liegt das Geschehen in der Vergangeheit: "Als der Herr uns aus der Gefangenschaft nach Zion zurückkehren ließ …" (Elberfelder). Das sind zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen. Die eine schwelgt in der Erinnerung, die andere erwartet das Kommende, indem Erinnerung und Zukunft zu Einem verschmelzen.

 

Der Grund für diese Unterschiede liegt in der Übersetzung aus dem hebräischen Original. Normalerweise gibt das erste Verb (Tu-Wort) im Text vor, in welcher Zeit der Text spielt (Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit etc.). In Psalm 126 ist das erste Verb ein Infinitiv (die Grundform des Verbs), also ohne zeitliche Bestimmung. Genau übersetzt findet die Erlösung der Gefangenen also weder in der Zukunft noch in der Gegenwart noch in der Vergangenenheit statt. Sie ist zu allen Zeiten gültig: Wenn Erlösung durch Gott geschieht, dann sind wir wie Träumende.

 

Wir können das Kommende fröhlich erwarten, weil Erinnerung und Zukunft in der Gegenwart miteinander verschmelzen. Ich nehme an, dass der Mensch, der diesen Psalm damals zum erstenmal gebetet hat, sich an die Erfahrung erinnerte, als Gott sein Volk (die Gefangenen) nach 70 Jahre Exil nach Hause führte. Sie waren wie Träumende - und werden es wieder sein, weil Gottes Hilfe immer gilt. Gott wird Großes tun. Erinnert euch und ihr werdet erleben, wie es sein wird.

 

Und währenddessen? Der letzte Vers steht in der Gegenwart. Säen und ernten, Trauer und Freude, d.h. schmerzhafte Investitionen (Saatgut), lange Wartezeiten (Wachstum), den Umständen  ausgeliefert (Wetter), am Ende aber große Freude. Doch davor und danach und die ganze Zeit über steht Gottes Rettung.

Nun zu den Bildern, die der Psalm in uns anstößt: Welche Erinnerungen tragen Sie in sich von Zeiten, als etwas Schlimmes vorbei war? Spüren Sie die Erleichterung noch, den Dank, die Freude? Der Psalm lädt uns ein, darin zu schwelgen, heute, jetzt, gerade auch in diesen Zeiten des sehr reduzierten Lebens. Jede*r für sich, aber auch am Telefon miteinander geteilt. Aus diesen Erinnerungen dürfen wir Zuversicht saugen, um jeden Tag neu zu "säen" und die "Ernte" zu erwarten.
Über welches "Saatgut" verfügen Sie? Was können Sie investieren? Wir wollen das Kommende fröhlich erwarten, weil in unserem Glauben an Jesus Christus Erinnerung und Zukunft in der Gegenwart miteinander verschmelzen.

 

Wir werden sein wie die Träumenden. In diesem Sinne sei diese Zeit und was uns jeweils bewegt Gott befohlen!

Es grüßt Ihr Paul-Gerhard Sinn

 

 

P.S.:

* Impulsgeber für meine Gedanken war eine Andacht von F. Muchlinsky in "7 Wochen ohne"

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